Die Geschichte der Ruller Wallfahrt

Im Jahre 1247 wurde das Zisterzienserinnenkloster von Haste, früher Harst, einem Vorort Osnabrücks, nach Rulle verlegt. Dieses hat die Geschichte Rulles nachhaltig bis in die Gegenwart geprägt.

Ein sog. „Blutwunder“ im Jahr 1347 war das markante Ereignis in der Geschichte des Klosters und der Gemeinde Rulle. Nach der Überlieferung stahl ein Kirchendieb ein Ciborium, eine elfenbeinerne Dose zur Aufbewahrung von konsekrierten Hostien, aus der Kirche. Das Gefäß wurde 14 Tage später von Kirchgängern unter einem Busch aufgefunden und enthielt der Legende nach statt der Hostien fünf Stückchen Fleisch in Blut.

Diese Vorgänge wurden mündlich überliefert und erst 1538 in niederdeutscher Sprache aufgeschrieben. Niemand braucht die Legende zu glauben. Vieles lässt sich heute auch natürlich erklären. Sicher ist aber, dass sich danach Rulle zu einem Wallfahrtsort entwickelte, zuerst wohl nur zu Ehren des kostbaren Blutes Christi , kommt erst später die Verehrung der schmerzhaften Mutter Gottes unter dem Kreuz Christi hinzu.

In dem Ruller Mirakelbuch „Warhafftige Nachricht von den wunderthätigen Hl. Blut Christi ...“ sind erste Einzelheiten von Bittfahrten nach Rulle erwähnt über die Jahre von 1512 bis 1754, davon auch einige mit Hinweisen auf das Emsland. Nach diesen Notizen scheint im Jahr 1712 eine größere Meppener Gruppe in Rulle gewesen zu sein.

Alle Aufzeichnungen zur „organisierten“ Meppener Wallfahrt lassen vermuten, dass ihre Entstehung mit „Heimsuchungen“ zusammenzubringen ist, die die Stadt Meppen und ihre Bürger betroffen haben. Sie bezeugen aber auch eine tiefe Gläubigkeit als Quelle, aus der die schwergeprüften Bürger die Kraft schöpften, immer wieder neu anzufangen und aufzubauen.

So war die jährliche Meppener Wallfahrt nach Rulle von Anfang an nicht Privatsache eines Bürgers oder einiger Bürger, sondern öffentliche Angelegenheit der Stadt Meppen. In den Jahresrechnungen ab 1765 der Stadt Meppen ist alljährlich gegen Ende April eine Ausgabe von einem Reichstaler verzeichnet, der vom Magistrat den Wallfahrern nach Rulle „zu ein Jahrgebett zu Rulle für Stadtswollfahrt“ mitgegeben wurde. Dieses Jahrgebet für die Stadt Meppen bezahlte bis 1932 die städtische Kämmerei, ab 1933 stellte die nationalsozialistische Stadtverwaltung den alten Brauch ein. Das Jahrgebet ist aber stets weitergeführt worden auf Veranlassung und Kosten der Pilger bis in die heutige Zeit.

Sichere Aufzeichnungen über regelmäßige jährliche Meppener Wallfahrten und diese zum großen Maitag (Ruller Kirchweih) haben wir damit erst vom Jahr 1765 an. Es finden sich aber Angaben im Pfarrarchiv Rulle, dass bereits lange vorher Meppener Bürger einzeln oder in Gruppen nach Rulle gepilgert sind.

In dem Buch „Die Provinz Hannover“ von 1888 schreibt Johannes Meyer: „Als vor mehr als hundert Jahren den Meppenern ihre Stadt abbrannte, taten sie das Gelübde, jedes Jahr nach Rulle wallfahrten zu wollen, um die Wiederkehr eines solchen Unglücks durch Bitten an die allerseligste Jungfrau zu verhüten“.

Pfarrer Preuin, früherer Kaplan in Meppen und Präses des Wallfahrtsvereins, hat nachgeforscht, um das Datum dieses Gelöbnisses festzustellen. Darüber berichtet er im katholischen Volksboten im Jahr 1950: „Dreimal hat die Stadt Meppen einen größeren Brand erlitten. Im dreißigjährigen Krieg brannten einmal 27 Häuser (1644), ein anderes Mal 86 Häuser (1647) nieder, und im siebenjährigen Krieg wurde 1761 der ganze westliche Teil der Stadt in Asche gelegt“

Die Greueltaten des dreißigjährigen Krieges, die Beschießungen im siebenjährigen Krieg, welcher von den drei Bränden oder auch Pestepidemien, die wiederholt das Emsland und die Stadt Meppen heimsuchten und 1666 über 800 Todesopfer im Stadtgebiet forderten, nun tatsächlich der Anlass für die regelmäßige Wallfahrt war ist ungeklärt. Nach den Jahrgebeten und den Jahresrechnungen der Stadtverwaltung kann es der Brand von 1761 gewesen sein.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließ das Interesse an der Wallfahrt stark nach. Ein besorgter Priester, der damalige Propsteiadjunkt Dr. Johannes Freese, suchte neues Interesse zu wecken und gründete deshalb im Herbst 1892 den Wallfahrtsverein.

So ist die Wallfahrt in all den Jahren nie zum Stillstand gekommen, nicht einmal durch ein Verbot im Jahr 1939 von den nationalsozialistischen Machthabern. Auf Schleichwegen und auf eigene Gefahr, unaufgefordert, einzeln oder in kleinen Gruppen, machten sich Pilger auch weiterhin während der Gewaltherrschaft und in den Kriegsjahren auf den Weg und hielten ihrem Wallfahrtsort Rulle und dem Vertrauen zum kostbaren Blut Christi und der schmerzhaften Mutter die Treue. Während oft Bitten im Vordergrund standen, dankten die Pilger nach dem überstandenen Krieg, was sich durch eine stark angewachsene Anzahl Teilnehmer ausdrückte. So nahmen in den Jahren1946 509 Pilger, 1948 533 Pilger und im Jahr 1949 520 Pilger aus Meppen, Haselünne und Bawinkel den Weg auf sich. In den Jahren danach verringerte sich allerdings diese Anzahl wieder.

Zum 75-jährigen Jubiläum des Ruller Wallfahrtsvereins Meppen beschreibt in der „Meppener Tagespost“ ein Verfasser Geschichte und Ursprung der Wallfahrt unter dem Titel: „Können Füße beten?“ Er fragt weiter: „Und wie ist es heute? Hat die Wallfahrt auch heute noch einen Sinn? Eine Wallfahrt, die fünf Tage dauert und einen Weg von rund 180 Kilometern zurücklegt?“, und gibt darauf folgende Antwort:

Manch einer mag denken, mit dem Auto könnte man doch viel weiter kommen in viel kürzerer Zeit, und die Füße brauchten nicht müde zu werden. Man möge aber die fragen, die die Wallfahrt mitgemacht haben. Sie werden sagen, dass es doch etwas Besonderes ist, wenn auch die Füße einmal müde werden auf einer Wallfahrt und so gleichsam mitbeten, und dass es notwendig ist, sich einmal Zeit zu nehmen für ein Gespräch mit Gott bei dem gemeinsamen Beten auf dem Wege und dem stillen Gebet am Wallfahrtsort.

Wir wissen alle, ohne die echte Beteiligung des Herzens ist kein richtiges Gebet möglich, und auch beim gemeinsamen Beten kommt es auf das Herz an. Aber auch der Leib gehört dem Herrgott, auch er soll mitbeten; die Lippen, die Hände, und auch die Füße, die so oft Wege gehen, die von Gott wegführen, sollen mitbeteiligt sein. Sie sollen die Mühsal des Weges spüren, Buße tun, aber auch den Segen Gottes mit heimtragen. So können auch die Füße Gott ehren und beten!